Pressestimmen

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Mit freundlicher Genehmigung der Siegener Zeitung
Autor: Olaf Neopan Schwanke
23. januar 2017 

Das Gesicht tut weh
Torsten Sträter erobert eine Stadthalle voll Herzen

ne Kreuztal. Ja, schon klar: Den Mann mit dem graumelierten Kinnbart und der dunklen Wollmütze, der sexy Stimme und dem schnoddrigen Ruhrpottidiom kennt man gut aus Funk und Fernsehen. Nicht nur bei Nuhr - aber auch, und nicht zu knapp. Torsten Sträter, mit viel Volt erstrahlter Comedystern, ist ein Arbeitstier, wenn es gut läuft. Und das tut es: Seinen ersten großen NRW-Poetry-Slam-Sieg hat er hier in Siegen errungen, 2009, dann die NRW-Slam-Meisterschaften 2010 und 2012 gleich hinterher, in Passau erhält er 2012 das Scharfrichterbeil, in Tuttlingen die Krähe - und in Bonn holt er den Publikumspreis beim Prix Pantheon. Anfang des Jahrtausends seine ersten Buchveröffentlichungen: Splatter-Sex-And-Crime-Und-Gothic-Kurzgeschichten, ironisch-sarkastische Pulp Fiction, die ihre Fans und Sammler hat - und ihn auf das richtige Gleis drücken.

Sträter, die Rampensau, rockt ab dann die Bühnen und Buchläden - und als Dieter Nuhr ihn in seine Sendungen holt, geht die Sträter-Show erst richtig los. Kreuztals Stadthalle ist sowas von ausverkauft, als Freitagabend der Mann mit der Mütze auf die Bühne kommt,  gleich losquasselt - und nahezu drei Stunden lang nicht damit aufhört, Pointe an Pointe zu knüpfen, dass das Publikum aus dem Lachen garnicht mehr herauskommt. Und wozu auch? Sträter schreibt Geschichten zu allen Themen, kommentiert zwischendurch dies und das - es muss nicht unbedingt etwas mit der Geschichte, ihrem Thema zu tun haben - Abschweifung ist ein Lieblings-Rhetorisches-Mittel, und Litotes und Hyperbel auch, jetzt ist es raus, mal gesagt worden, auch wenn der Sträter nicht studiert hat, kein Literaturwissenschaftscomedian ist, sondern ein gelernter Herrenschneider, 1966 in Dortmund geboren, wo Eltern und Großeltern mit Doppelkonsonant geschrieben, gerufen und heftig geliebt werden.

In Kreuztal will er nicht von "Omma und Oppa", Penissen erzählen, nicht rührend nostalgisch von Früher, von der Kindheit. Auch nicht politisch werden, oder von Erfahrungen mit Diäten sprechen, letztere sind doch reine Zeitverschwendung, und außerdem ist der unnachahmliche Comedian neulich fünfzig geworden, da ist es ja ehe zu spät, sich noch einmal zu verschlanken.

Selbstverständlich erzählt er dann doch von alldem, erzählt von Hautcreme in der blauen Dose "So groß wie der Stehtisch hier!", tonnenweise Nussnougatcreme mit Asterix-Schablonen im Deckel, und davon, wie er seinen ersten Schultag - natürlich mit selbstgebastelter Schultüte, als frischer Fünfziger nachholt, weil seine Mutter ihn immer mit dem Satz "Mach doch irgendwann mal irgendwas zu Ende" gequält hat.

Das Publikum lacht Tränen, gluckst und gackert, fühlt sich gemeint und tief angeschaut, fühlt sich ernst genommen von einem, der auf der Bühne steht und sagt: "Ich bin wie ihr, ein ganz normaler Typ, nix Berühmtes." Klar, das Auswärtige Amt lädt ihn nach Afrika ein, dann muss er mit Comedy-Kollegen ins Nobelhotel nach London fliegen, weil er da Will Smith zur Präsentation eines Hollywood-Blockbusters treffen soll, aber Sträter bleibt offen und geerdet, die Ruhrpott-Bodenhaftung hält.

Wie kann ein einzelner Mensch nur in nahezu jedem Satz eine Pointe platzieren? Und dabei so herzhaft sympathisch rüberkommen, dass ein Riesensaal ihn gleich liebt? Das von der Siegener Zeitung präsentierte Veranstaltungsvergnügen wird allen daran Beteiligten - und das Publikum, dass Torsten Sträter stets intensiv am Geschehen, an seiner lässigen Literatur, seinen ins Absurde gedrehten Alltagserlebnissen teilhaben lässt, ist tatsächlich irgendwie mit im Boot, immer - lange im Herzen bleiben: Wann hat man schon so stetig und heftig lachen müssen, dass einem das Gesicht wehtat? Dass das noch geht - ist schön